Ausgewählte Predigten von Pn. Prof. Johanna Haberer
Predigt am 28.9.2025 zum Michaelistag in Trittau - ES IST KRIEG
Gnade sei mit Euch und vor allem Frieden!
Von dem der da ist der der da war und der gewisslich kommt.
Es ist Krieg, meine Lieben.
Die USA benennen ihr Verteidigungsministerium um in Kriegsministerium, es werden Drohnen über Oslo geortet, Kampfflieger steigen auf über Estland, Cyberangriffe in Berlin und Brüssel auf Bahnhöfe und Flugplätze.
Agenten verüben Anschläge. Die Flugrouten werden gestört. Man mag sein Handy gar nicht öffnen, man mag den Fernseher nicht anmachen, man mag keine Zeitung aufschlagen....
Die Menschen sollen verunsichert werden, sie sollen Angst bekommen und den Krieg wieder für die einzige Option halten. Die Ultima Ratio....und uns wird von Medien, die in ihrer Empörungsspirale ständig hochschrauben nahegebracht, dass ein Krieg wenn nicht unmittelbar, so doch mittelbar bevorsteht. 2029 diese Zahl kursiert. 2029 könnte sein, dass wir wieder Kriegslieder spielen: `s ist Krieg....
So als gäbe es keine andere Lösung.
Politikerinnen, die ihr Herz in der Friedensbewegung haben, sprechen derzeit von schweren Waffen, wir lernen die Namen von Panzern und Granaten kennen. Militärexperten füllen die Bildschirme.
Und die Drohung, Vernichtungswaffen gegen westliche Demokratien einzusetzen, wird immer wieder von den Koalitionen der Unfreiheit öffentlich und für jeden Menschen der Welt deutlich vernehmbar geäußert.
Ich stehe seit 1980 auf Kanzeln in Bayern und im ganzen Land, jetzt auch für ein Jahr bei Ihnen hier und ich dachte nicht, dass ich zu meinen Lebzeiten einmal einen solchen Satz würde sagen müssen. Es ist Krieg.
Dabei begleiten uns ja seit Jahrzehnten Abend für Abend in den Hauptnachrichten Kriege. Kriege, in die auch Deutschland irgendwie verwickelt war und ist.
Der Krieg gegen den Irak Anfang der 90er Jahre, der Bürgerkrieg in Exjugoslawien und der Zerfall dieses Mehrstaatensystems, der erneute Angriffs-Krieg der USA gegen den Irak Anfang des Jahrtausends, der Bürgerkrieg in Syrien, die Vernichtung der Menschen in Gaza, ihre Vertreibung im Westjordanland. Der Krieg in Afghanistan. Die terroristischen Anschläge.
Ich werde jetzt hier stoppen. Denn wenn ich auch noch die gewaltsamen Konflikte auf anderen Kontinenten aufzählen wollte, wäre meine Zeit vorbei und ich wäre immer noch nicht fertig. Es ist nämlich Krieg. Irgendwo ist immer Krieg. Nur wir auf diesem europäischen Kontinent haben uns daran gewöhnt, dass unser Leben lang Frieden ist und die Macht des Friedens sich ausbreitet in der Welt....
Ich erinnere mich gut. Im Herbst 1989 kommt meine kleine Tochter Maria zur Welt. Ich liege mit ihr auf einem Sofa überzogen mit einem taubenblauen Leinenstoff. Vor mir ein winziger Fernseher, das Neugeborene auf der Brust und das Herz schlägt mir bis zum Halse, als ich mit Millionen anderen Zeugin werde, wie ein Wunder geschieht. Es fällt diese Mauer, die meine Generation für unüberwindlich gehalten hatte.
Damals hob ich das Neugeborene über mich in die Höhe und flüsterte glücklich: Du wirst nach Petersburg reisen, vielleicht wirst Du in Moskau arbeiten können, in Rostock studieren.
Märchen beginnen ja manchmal mit dem Satz: zu einer Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat.
Für meine, für unsere Nachkriegs-Generation fing damals eine neue Zeit an. Und die zuvor dunklen Landkarten begannen sich zu füllen mit Städtenamen und Reisezielen, von denen man in meiner Jugend nicht zu träumen gewagt hatte. Dresden und die Transsibirische Eisenbahn, Krakau, die kurische Nehrung und Kiew. Ja Kiew.
Ich habe meiner Tochter die Szene zwischen uns auf dem taubenblauen Sofa schon oft erzählt und ich habe ihr versucht begreiflich zu machen, dass Europa das größte Friedensprojekt seit 2000 Jahren ist und dass unsere biblischen Autoren sagen würden: Das ist das Reich Gottes. Hier herrschen Frieden. Gerechtigkeit und Freiheit.
Heute fragt sie mich, wie ich mich so täuschen konnte.
Ich und eine ganze Generation Deutscher, die überzeugt waren, dass ihnen die Erfahrung des Krieges erspart bleiben würde.
Was ist geschehen? Und wie konnte das passieren?
Es ist Krieg.
Matthias Claudius, der Journalist und Liederdichter, der uns das unsterbliche Lied „Der Mond ist aufgegangen“ geschenkt hat, er dichtet im Jahre 1778 folgende Verse.
`s ist Krieg! `s ist Krieg! O Gottes Engel wehre, und rede Du darein!
`s ist Krieg und ich begehre
nicht schuld daran zu sein.
Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre? Die können mich nicht freun!
`s ist leider Krieg und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein.
„O Gottes Engel wehre und rede Du darein...!“ dichtet Matthias Claudius und er meint damit den Erzengel Michael. Diesen Erzengel, dem heute die Kirchen gedenken und der in seinem Großauftritt im Buch der Offenbarung vorkommt, in dem Text, den wir zuvor gehört haben:
Da heißt es im 12. Kapitel:
Und es gab einen Krieg im Himmel: Michael und seine Engel führten Krieg gegen den Drachen. Und der Drache führte Krieg und seine Engel, und er war nicht stark, und sie hatten keinen Platz mehr im Himmel. Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt. ....
Die Geschichte vom Kampf des Erzengels Michael mit dem Drachen ist hier verewigt und in der Geschichte der Kunst tausendmal abgebildet. Der riesige Engel mit der Rüstung mit dem Schwert in der einen und einer Seelenwaage in der anderen Hand. Er kämpft gegen das Böse und bringt Gerechtigkeit.
Es fällt auf, im Text der Offenbarung, dass das Böse verschiedene Namen trägt. Vor allem natürlich: Der Drache. Der Drache ein mythisches Bild. Er bringt Zerstörung, er speit Feuer und verbrennt alles. Der Drache zerstört das Leben und die Lebensgrundlagen. Er hinterlässt verbrannte Erde, schmilzt Gletscher, verpestet die Luft, zerstört Städte. Der Drache bringt den Tod. Vor ihm kann man sich nur retten, wenn man die Flucht ergreift.
Dann: Die alte Schlange. Das ist die Lüge. Die große Lüge: Ihr werdet sein wie Gott......Ihr Erinnert: „Wer ist wie Gott?“ das heißt Michael übersetzt und der Name erinnert daran, dass wir sterbliche Menschen sind und nicht Gott. Und dann die vielen kleinen Lügen, die unsere Welt verpesten, Fake News, alternative Fakten... Wahrheit und Lüge werden ununterscheidbar gemacht, und man weiß gar nicht mehr, wie man sich dagegen wehren soll. Die alte Schlange, gegen die Michael antritt, sie ist heute mächtiger denn je. – Doch der Erzengel bekämpft und besiegt die alte Schlange, die Lüge, so das Versprechen.
Und der Teufel, der Satan, der Verführer. Der mit süßen Worten Menschen in die Irre führt.
Schließlich: Der Ankläger. Das schlechte Gewissen, das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben, den eigenen und Gottes Ansprüchen nicht zu genügen.
Nicht schuld daran zu sein....
Auch im Gewand solcher Ansprüche und Ängste, auch im Gewand der Moral können die bösen Mächte stecken. Gott ist kein Aufpasser und Schnüffler. Gott liebt uns und macht uns frei, deshalb bekämpft und besiegt er den Ankläger.
Diesen großen mythologischen Kämpfer gegen Zerstörung, Lüge und Verführung ruft Matthias Claudius an:
`s ist Krieg o Engel Gottes wehre!!!
Matthias Claudius ruft den Erzengel Michael an und bittet ihn, der Kriegstreiberei ein Ende zu machen, denn in jedem Krieg gibt es nur Verlierer. Nur Schmerz. Nur Leid. Nur Verluste.
Und selbst die Plünderer, die sich dann „vor der Geschichte“ Sieger nannten, werden die blutigen Gespenster in ihrer Seele nie wieder los. Was macht das mit Menschen, wenn sie andere aus ihren Wohnungen verjagen und auf sie schießen, wie auf Hasen? Was macht es mit Männern, wenn sie sich an Mädchen und Frauen vergreifen und sie scheinbar straflos vergewaltigen?
Was Kriege anrichten, das kann ich in meiner eigenen Familie nachvollziehen. Meine Urgroßeltern hatten dreizehn Kinder. Sie haben alle überlebt und sind groß geworden. Eine Generation später dann: Mein Vater war der einzige Nachfahre dieser dreizehn Kinder. Vier Söhnen hatte der erste Weltkrieg das Leben gekostet, die Mädchen starben an den Kriegsfolgen: Hunger, Armut und Krankheiten.
Und der Engel Gottes hat nicht eingegriffen. Im Gegenteil: die Kirchen haben alle Kriegshetze und Kriegspropaganda mitgemacht. „Gott mit uns“ stand auf den Koppelschlössern der deutschen Soldaten im ersten Weltkrieg.
Erst über den millionenfachen Gräberfeldern nach dem zweiten Weltkrieg machen dann alle christlichen Kirchen dieser Erde dieses Gelöbnis: Krieg darf um Gottes Willen nicht sein.
Um Gottes Willen. So formuliert die Gründungsurkunde des Ökumenischen Rates der Kirchen.
Um Gottes Willen. Nie wieder Krieg.
Das heißt eindeutig: jeder Krieg ist gegen Gottes Willen. Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde. Schöpfer jedes einzelnen Geschöpfs auf dieser Erde, Schöpfer und Bewahrer der Menschen, hasst den Krieg. Weint um seine Menschen. Klagt über ihre Verbohrtheit und Dummheit, über ihren Starrsinn und ihre Bosheit.
Nie wieder Krieg.
Diese Sätze haben unsere Eltern, die den Krieg erlebt hatten, uns eingehämmert. Und ich werde nicht vergessen, wie mein Vater bleich die Nachrichten von der Kubakrise 1963 hört, meiner Mutter die Tränen übers Gesicht rinnen als die russischen Panzer 1968 durch Prag rollten und den Prager Frühling im Keim erstickten.
Was sage ich meiner Tochter? Diesen jungen Menschen?
Sie fragen angesichts der russischen Aggression in der Ukraine und Wandel des Staates Israel von einem Verteidigungsstaat zu einem Angriffsstaat: Warum habt ihr Euch nur so geirrt? Was ist geschehen?
Sie fragen, was sagt Ihr zu der mörderischen Aggression in Palästina?
Was sagt Ihr zu dieser Fratze, die Amerika derzeit zeigt?
Was sage ich meiner Tochter und den anderen jungen Menschen?
Was sage ich als Christin, als Mutter. Was sage ich einem jungen Menschen, der sein Leben noch vor sich hat, Kinder haben will, eine Zukunft. Welche Welt wollen wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen?
Ich denke, jede Familie in Deutschland hat – so wie ich – (da) eine ganz eigene Geschichte zu erzählen.
Und – so könnte man meinen - jede Familie in Deutschland hat dieses „Nie wieder Krieg“ tief in die Wachstumsfugen des Bewusstseins eingegraben.
Wenn ich als evangelische Christin Antworten suche auf die unabweisbaren Fragen, die die Kriege uns heute stellen, dann befrage ich zuerst unsere Heilige Schrift und ich finde darin... meine lieben Menschen – keine Antwort. Kein Rezept. Keine politische Wegweisung.
Aber ich finde Denkansätze
Ja. Fast alle Texte unserer Bibel wissen vom Krieg.
Allerdings haben die Kirchen die biblischen Texte, die explizit die Kriegsgewalt beschreiben, wie unseren Text aus der Offenbarung in den friedensbewegten Jahrzehnten außen vorgelassen. ... irgendwie störend und nicht jugendfrei...
Wir haben die gepredigt, gefeiert und groß gemacht, die den Frieden preisen und den Menschen als friedensbegabtes Geschöpf.
Wir dachten, dass bei der richtigen politischen Einbindung alle Menschen gut sein werden. Wenn sie nur profitieren, am Wohlstand teilhaben und Geschäfte machen können.
Der ökonomische Mensch hat in unseren Köpfen die Oberhand: wenn die Wirtschaft und der Wohlstand wachsen - das war Konsens unter den Bürgern - wenn alle dazuverdienen und dazugewinnen, dann wird es keine Kriege mehr geben. Das war die Logik der vergangenen achtzig Jahre.
Liebe Menschen, Christinnen und Bürger, ich finde, es lohnt, sich wieder auf das christliche Menschenbild zu besinnen. Frieden ist ein Kampf und keine Selbstverständlichkeit.
„Sein wollen wie Gott“, in der Bibel die Ursünde des Menschen.
Sein wollen wie Gott: das löst die Frage aus: wie welcher Gott? Nein wir selbstgefälligen Menschen wollen nicht den ohnmächtigen und ans Kreuz gebundenen Gott nachahmen. Wenn wir sein wollen wie Gott, dann meinen wir das Gottesbild vom allmächtigen.
Gott vorgestellt als ein absoluter Herrscher, der willkürlich mit seinen Untertanen macht, was ihm gerade einfällt. Unsere Jugendlichen haben schon recht, wenn sie Gott nicht mehr mit Herr anreden wollen.
Männer, die sich wie ein Gott fühlen, die übernehmen das Sagen auf dem Planeten – und zwar wie ein solcher allmächtiger Herrscher, dem nicht widersprochen werden darf, die bekommen derzeit in unserer Welt wieder die Oberhand.
Es sterben Menschen unter den Einschlägen ihrer Granaten, es sterben tausende junge Soldaten, Kinder noch, denen vor drei Jahren gesagt wurde, sie würden ein Land befreien und seien gleich wieder daheim bei ihren Müttern und Bräuten und die erwartet hatten, die Ukrainer würden sie mit Blumen empfangen.
Sein-Wollen wie Gott. Die Hybris als die dunkle Seite des menschlichen Strebens nach Höherem. Grenzenlose Zerstörungswut. Auch das gehört zu Menschen, und es ist unserer menschlichen Rasse wohl nicht auszutreiben.
Wir Christen haben vielleicht zu lange die Logik des ökonomischen Menschenbildes übernommen - der Mensch wird gut, wenn es ihm gut geht - und haben das religiöse Wissen um die unerklärlich böse Seite des Menschen hintangestellt.
Dabei erzählen unsere Schriften in ungezählten Geschichten immer und immer wieder davon, wie der Egoismus Menschen zerfrisst, wie Macht korrumpiert.
Doch so gnadenlos viele Bibeltexte auf dem Hintergrund von Krieg und Zerstörung entstanden sind, so leuchtend sind die Friedensvisionen. Ewige Bilder eines Friedens, den Gott schaffen wird, die unser Denken darüber prägen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte – mit einem gottgewollten und menschenfreundlichen Gesicht.
Die weltberühmte Rede des Jesaja zum Beispiel, wir haben sie gehört... Da wird der ganz andere Herrscher erwartet. Das Gegenbeispiel zu den Kriegsherren: Ein Herrscher, der sich vor Gott in der Verantwortung weiß „So wahr mir Gott helfe“
Ein Politiker, der seine Macht in Verantwortung und Klugheit gebraucht.
Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.... und die wilder Tiere werden zahm...
Der Traum von einer Welt, in der die animalischen Züge unserer groben Natur, unser allzu menschlicher Vernichtungswille gebändigt ist. Friede wird sein, weil der Geliebte Gottes sein Friedensreich baut.
Jesus hat sein Leben, seine Predigt und seinen Traum vom Reich Gottes als Erfüllung dieser Friedenvision verstanden.
Der Mann, der keine Gewalt ausüben wollte über andere, ist gewalttätig gestorben. Und dennoch: er hat uns sein Vermächtnis hinterlassen und ein Versprechen.: Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
Johannes 14,27
Der Frieden von dem Jesus spricht, ist nicht von dieser Welt. Er ist Geschenk, nicht das Ergebnis von Waffengewalt, nicht das Ergebnis strategischer oder diplomatischer Kunst. Er ist das Ergebnis eines inneren Kampfes und eines gemeinsamen inneren Weges. Der Michaelisweg.
Wir werden diese Spannung nicht auflösen: Die Sehnsucht nach Frieden und die Sucht nach Macht – und Gottes großes Versprechen.
Widerstehe nicht dem Bösen, halte die andere Wange hin und bete für die, die Dich verfolgen, das predigt der Jesus von Nazareth....Widerstehe nicht dem Bösen... Diese weltberühmten Sätze markieren in der Person des Jesus von Nazareth den Ersten Denker, der die Unterbrechung der Gewalt durch eine andere Logik aufgezeigt hat.
Unterbrechung der Gewalt durch Gewaltlosigkeit.
Diese neue Wahrheit hat tatsächlich ja im 20. Jahrhundert Gestalt angenommen: die mächtigen schweigenden Märsche des Mahatma Ghandi, durch die friedlichen Revolutionen in Deutschland und anderswo. Ja. Diese Wahrheit hat die dichteste Mauer der Weltgeschichte zu Fall gebracht.
Aber man hat den Eindruck, dass auch die Diktatoren dazulernen.
Gewaltloser Widerstand soll durch die nackte Angst gebrochen werden. Einfach immer noch mehr Gewalt.
Man kann mit den Worten der Bergpredigt wohl derzeit keine Politik machen.
Vor allem kann ich die Entscheidung zur Gewaltlosigkeit niemanden aufzwingen. Dem Bösen nicht widerstehen, den Gewalttäter durch Gewaltlosigkeit bloßstellen und damit zum Erschrecken bringen über sich selbst, das muss jeder Mann und jede Frau ganz allein entscheiden. Niemand kann einem anderen raten, gewaltlos gegen Bewaffnete aufzustehen und Leib und Leben für die Sache der Freiheit zu riskieren. Wie viele Menschen haben sich in den vergangenen Jahren entschieden gegen den Tyrannen ihres Volkes auf die Straße zu gehen. Friedlich. Immer wieder. Und immer wieder friedlich.
Viele von ihnen haben einen sehr hohen Preis gezahlt und die Regime existieren immer noch und ich möchte gar nicht im Einzelnen wissen, wieviel Mut es heute braucht in Amerika der herrschenden Regierung die Stirn zu bieten.... Hundertausende von Biografien zerbrechen in diesen Wochen und Monaten.
Die Männer und Frauen, die jetzt in unserem Namen Entscheidungen treffen, die die Gefahr gewaltiger Eskalationen nach sich ziehen, sie sind in einem Dilemma. Das kann ihnen niemand abnehmen.
Aber ein paar Linien für die Gedanken seien aus der christlichen Gedankenwelt in diese Zeit getragen.
Was sage ich meiner Tochter, die in eine neue Welt hineingeboren war und jetzt mit dem Grauen der alten Welt konfrontiert ist?
Was können wir tun, um unseren Traum vom Frieden nicht völlig zu verraten? Wir als Bürger können da Wichtiges tun.
Wir wollen in unserer öffentlichen Sprache keine Feindschaften vorantreiben. Wir wollen entfeinden. Wir wollen in unseren Begegnungen mit den Menschen, die zu uns geflohen sind, die Furcht und den Hass nicht vertiefen.
Wir wollen dem Frieden dienen: Das bedeutet: nie vergessen, dass auf beiden Seiten des Krieges Menschen agieren. Auch der Gegner ist ein Geschöpf Gottes. Wir wollen festhalten: Das Schweigen der Waffen wäre noch kein Frieden. Frieden ist nicht einfach das Gegenteil von Krieg.
Die Friedhofs-Stille ist kein Frieden. Der Friede aus unserer biblischen Tradition ist shalom. Der gerechte Ausgleich verschiedener Interessen und Bedürfnisse in einem Gemeinwesen, das heißt Friede, shalom. Friede ist ein immerwährender Prozess, an dem alle gemeinsam arbeiten müssen. Frieden gibt es nur im Geleit mit Freiheit und Gerechtigkeit: Das sind unsere drei mächtigen Erzengel! Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit.
Wir lernen in diesen Tagen, dass Frieden unter den Menschen und Völkern Entschlossenheit verlangt Klugheit und Mühe.
Aber der von Menschen gemachte Friede, er ist immer gefährdet und kann zerstört werden. Der Frieden aber, der ein Geschenk Gottes ist, der will Platz nehmen in unserem Herzen – ganz egal, wie die Welt brüllt. Der will uns eine unzerstörbare Richtung geben für unser Reden und Handeln.
Wie heißt es doch in jedem christlichen Gottesdienst? Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne – in Christus Jesus.
Amen.
Predigt am 16.11.2025 zum Volkstrauertag - IN MIR SOLLT IHR FRIEDEN HABEN
Predigt von Pn. Prof. Johanna Haberer zum Volkstrauertag – Trittau, 16.11.2025
Ihr Lieben,
Ein Mann hat den Tod vor Augen und er trifft seine letzten Verfügungen. Er ordnet die Welt für die Stunde, in der er nicht mehr da ist. Er gibt Zeugnis, denen die zu ihm gehören über seinen letzten Willen, über das was ihm wichtig ist. Er versucht die Zeit danach in den Blick zu nehmen, das Erbe zu verteilen und einen Trost für die Hinterbliebenen, die Zurückgebliebenen zu formulieren. Und immer wieder sagt er, jetzt versteht ihr noch nicht, was ich meine, aber ihr werdet es verstehen und ihr werdet eines Tages mich verstehen. Ganz bestimmt. Ihr werdet begreifen, dass das was jetzt geschieht gut ist für mich und für euch.
Ich halte fest, was sein soll und was werden wird, wenn ich nicht mehr da bin. Solche Worte werden bisweilen gesagt, solche Briefe werden geschrieben manchmal, wenn einer sterben muss.
Jesus von Nazareth hat seiner Hinterlassenschaft auch geordnet, er macht sein Testament. Nicht ein neues – seines.
Und was ist da zu lesen? Und was hören die Hinterbliebenen?
Nun das sind ja wir, wir liebe Menschen hier in der Kirche, wir sind die Hinterbliebenen: die Jesu letzten Worte sind an uns gerichtet, wir sind die Testamentsverwalter – also liebe Gemeinde: hören sie die Verfügungen Jesu, seine Prophezeiungen und seine Mitgift für die Zeit, wenn er nicht mehr unter uns ist:
Es ist gut, wenn ich weggehe, bringt der Scheidende zu Protokoll, denn wenn ich dann weggehe, kommt der Tröster und der bleibt da, der geht nicht weg, der weicht nicht von eurer Seite: der tröstet.
Und wir lesen weiter in dieser testamentarischen Verfügung wie sie bei Johannes niedergelegt ist:
Wahrlich, wahrlich ich sage euch. Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.
Eine Frau wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst, um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wieder sehen, und euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen......
Siehe es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.
Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden....
Haben Sie das gehört, liebe Hinterbliebene? Das sind die Worte, des Menschen der Gottes Gesicht trägt:
Unser Leben gleicht einer gigantischen Geburt, ohne Schmerzmittel und Medikamente. Die neue Welt, die da unaufhaltsam kommt, bricht sich in unserer Welt hinein Bahn wie ein Kind im Geburtskanal und die Welt, die wir kennen, klagt. Und die Welt, die wir kennen schreit und sie wimmert und sie presst. Unsere alte Welt, die mit den Kriegen und den Lügen, die mit der Hinterlist und der Feigheit, die mit der Grobheit und der Grausamkeit, die mit der Trauer, der Krankheit und der Schuld. Sie ist wie eine gebärende Mutter, die werdende Mutter der kommenden Welt. Und diese alte Welt diese werdende Mutter, sie ist verletzt. Es zerreißt sie innerlich, sie leidet, sie hat Angst, sie presst, sie weint, sie blutet.
In der Welt habt ihr Angst. Heute ist Volkstrauertag. Der Tag der trauernden Mütter, die die Söhne, die sie unter Schmerzen geboren haben, nie wieder gesehen haben, der Frauen, die ihre Männer verloren haben. Volkstrauertag, das ist der Tag des Ekels über uns selbst und wozu wir Menschen fähig sind und das ist der Tag der Angst, dass wir uns nicht ändern könnten.
In der Welt habt ihr Angst, sagt der scheidende Gottessohn – aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.
Eine Ahnung davon, was es heißen könnte die Geburt einer neuen Welt und die Überwindung der Angst, die bekommen wir durch die Musik. Sie ist – wenn man sie recht versteht - eine Frucht des Heiligen Geistes, sie ist ein Gottesgeschenk, sie ist eine Trösterin.
Und wir brauchen auf dieser Welt so unendlich, so unendlich, so unendlich viel Trost.
Und nun habt ihr Traurigkeit, aber ich will euch wieder sehen und euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen.....Ein Testamentstext, ein Erbstück.
Was ist eigentlich unser Glaube wert?
Der christliche Glaube wird sichtbar auf der Grenze zwischen Tod und Leben, zwischen Leid und Erlösung, zwischen Klagen und Freude. Hier an dieser Schwelle, an der Jesus seine Abschiedsreden hält, entscheidet sich, was unser Glaube wert ist. Hier entscheidet sich, ob wir die Neugeburt der Welt glauben können, ob wir den Tod verdrängen, oder ob wir uns ihm stellen. Hier entscheidet sich, ob wir Geängstigte sind oder Getröstete.
Denn, wenn ich getrost bin, dann habe ich Kraft für ein Leben vor dem Tod einzustehen und zugleich mit aller Kraft ein Leben nach dem Tod zu bezeugen. Wie eine Mutter, die schwanger geht, bin ich gewiss, dass der Tag der Geburt kommen wird und dass die andere die neue Welt in der alten immer größer wird und dass sie eines Tages zu Tage treten wird. Wir wissen davon und wir haben eine Ahnung und wir haben das Zeugnis, dass Jesus uns darüber hinterlassen hat. Und auch wenn wir es nicht beweisen können, gibt es immer wieder Augenblicke, in denen wir Gebärende die neue Welt ahnen.
Wir ahnen sie in den Augenblicken der Liebe, wir ahnen sie, wenn Mauern fallen, wenn die Waffen schweigen, wenn Frieden herrscht, wenn wir eins sind mit uns selbst und mit den anderen, wir ahnen sie, wenn ein Mensch getrost sein Leben führt und getrost aus dieser Welt geht, wenn er stirbt und dabei getragen ist, und wir ahnen sie, wenn wir hoffen und uns auf die Zukunft freuen und wir ahnen sie immer wieder durch die Trösterin, die, die Gott uns in seinem Geist an die Seite gestellt hat, die Musik, die den Himmel öffnet.
Nicht jede Musik tröstet. Es gibt die Musik, die zum Krieg ruft und zur Schlacht bläst, es gibt die Musik, die in drängenden zerstörerischen Rhythmen durch betrunkene Köpfe dröhnt, es gibt die Musik, die zum Hass peitscht, die zur Folter aufspielt und Menschen wahnsinnig macht.
Und es gibt Musik, die tröstet. Das ist die Musik, die Pausen macht und Zwischenräume lässt, die Räume öffnet. Die Trösterin Musik, diese Tochter von Gottes Geist lässt das Herz, das sich verkrampft weit werden, öffnet den Körper, lässt Tränen fließen, streichelt die Seele, zündet die Gedanken an, führt uns in neue Räume und zeigt uns bisweilen ein Stück von der überwundenen Welt, das Köpfchen von der Neugeburt. Dieser Ahnung ein Gesicht zu geben, dazu sind wir Christen gerufen. Und je mehr Ahnung von einer neuen Welt wir spürbar machen und verbreiten, desto mehr davon wird erscheinen.
Johann Sebastian Bach war ein glaubhafter Zeuge dieser Weltüberwindung Gottes. Er setzte sie in Noten. Und die Wirkung mancher seiner Himmelsahnungen in Tönen war so, dass Robert Schumann eines Tages an seine Frau schreiben konnte:
Wenn das Leben die Hoffnung und den Glauben genommen hätte, so würde Dir dieser einzige Choral alles von neuem bringen können.
In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.
Der scheidende Christus weiß, dass es gegen die Schrecken dieser Welt und gegen die Angst als unsere Existenzform in diesem Leben kein Mittel gibt. Es gibt kein menschliches Leben ohne die Angst, die Bedrängnis, die Sorgen, die äußeren und inneren Plagen. Das gilt für jeden einzelnen und das gilt für den Kosmos, den wir kennen. Wir werden vielleicht mit Gottes Hilfe einer besseren Welt Bahn brechen, vielleicht werden wir kleine Inseln Zeitinseln… Rauminseln, des heilen Miteinanders schaffen und erleben können, aber wir werden letztlich die bedrängende Unruhe unserer menschlichen Existenz nicht ablegen.
In dem Augenblick, in dem wir das Licht der Welt erblicken, beginnen wir Lebewesen um unsere Existenz zu fürchten und erleben unsere Existenz als gefährdet: bekomme ich genügend Nahrung - leibliche, seelische und geistige? Bekomme ich genügend Raum in dieser Welt, das ist die Frage, die uns durch das Leben scheucht. Sie variiert mit den Lebensaltern, aber sie hört nicht auf uns zu bedrängen. Unser Leben ist gezeichnet von der bedrängenden Sorge um uns selbst und von der Angst nicht genügend zu bekommen und nicht zu genügen.
Die Angst um uns selbst ist die Wurzel unsere Lebensunruhe und sie ist die Wurzel des Unfriedens in der Welt. Sie ist zugleich der Motor des Lebens, die Antriebskraft, sie bewegt die Erde fort und trägt doch in sich jederzeit den Kern der Zerstörung.
In seinem Testament bietet sich Christus als den Ruhepol für unsere Unruhe stifenden, beunruhigende Existenz an. Er gibt uns so zu sagen ein Seil in die Hand, an dem ein Haken ist, mit dem wir uns festhalten können - an ihm als dem der Halt gibt in Bedrängnis und Furcht. Mit diesem Seil in der Hand, können wir uns festhalten in der furchtsamen und gefährdeten Existenz unseres Lebens.
Oder ein anderes Bild: Mit dem Sterben und Auferstehen Christi hängen wir an ihm wie an einer pulsierenden Nabelschnur. Und mit dieser Nabelschnur hin zu einer furchtlosen und in sich ruhenden Existenz können wir unser Leben bestehen. Damit ihr in mir Frieden findet. In Christus sind wir immer alles in einem: Gefährdet und getröstet, das sind wir, furchtsam und mutig, bedrängt und erlöst, gefangen und befreit.
In mir sollt ihr Frieden haben, sagt Christus. In der Welt habt ihr Angst aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.
Amen
Predigt zu Hl. Abend 2025 - DER LEERE STUHL
Predigt zu Hl. Abend 2025 von Pn. Prof. Johanna Haberer
Der leere Stuhl
Wir lieben es, wenn alles nach Plan geht, alles seine Ordnung hat, das Leben in bekannten Bahnen verläuft und alles so ist, wie es immer war – nicht nur an Weihnachten.
Wir haben sogar eine Reihe von Forschungszweigen erfunden, die uns mit ihren Prognosen jede Überraschung vom Hals halten: die Wetterprognose und die Wirtschaftsprognose, die Klima- und die Bevölkerungsprognose, die Lebenserwartungsprognose. Man würde gar nicht fertig werden, wollte man alle Prognosen aufzählen, die uns Tag für Tag vor Augen führen, was auf uns zukommt.
Die Menschen in der Antike wären froh gewesen, so viele wissenschaftlich fundierte Blicke in die Zukunft tun zu können. Sie hatten bloß reichhaltiges magisches Denken, um sich künftige Überraschungen vom Leibe zu halten: den Flug der Vögel oder Wolkenkonfigurationen; die Innereien von Opfertieren oder die Augenzahl von Würfeln. Traumweissagungen oder Orakelsprüche von Priesterinnen, etwa des Orakels von Delphi. Wobei wir von diesem Orakel wissen, dass es die Frage des zahlenden Interessenten als Rätsel zurückspielte, und erst der Gang in die scheinbar unveränderliche Zukunft konnte es lösen. Die Zukunft, heißt das, kann man nicht berechnen, man muss sie erleben.
Auch der Kaiser Augustus in unserer Weihnachtsgeschichte wollte zur Zeitenwende Überraschungen vorbeugen, und ließ deshalb die Bewohner des römischen Reiches schätzen. Er wollte wissen, wie viele Untertanen er eigentlich hatte und berechnen können, wie hoch das Steueraufkommen sein würde, mit dem die Weltmacht künftig haushalten könnte: „Da machten sich auch auf Joseph aus Nazareth mit seinem vertrauten Weibe, die war schwanger, auf dass sie sich schätzen ließen, ein jeglicher in seiner Stadt“, schreibt der Evangelist Lukas in der Weihnachtsgeschichte. Die Steuerbehörden hatten ihre Unterlagen, wohl bei den Geburtsurkunden liegen, deshalb musste man sich dort melden.
Auch wir wollen keine Überraschungen – am allerwenigsten an Weihnachten. Viele Familien haben am Heiligen Abend ein festgefügtes Protokoll: Sie singen die immer gleichen Lieder, backen die gleichen Plätzchen, tragen die gewohnten Speisen auf, hören die selbe Weihnachtsgeschichte und pflegen die Rituale, die von ihren Eltern und Großeltern weitergegeben worden sind. Besonders die Kinder sind es, die keine Änderung dulden.
Alles muss sein, wie immer!
Dabei ist Weihnachten – streng genommen – genau das Gegenteil: es ist das Fest der Unterbrechung, die Feier der Überraschung, der Weg ins Unbekannte.
Alles ist anders, das ist die Weihnachtsbotschaft, das Unterste wird nach oben gekehrt. Nichts bleibt, wie es ist.
Die Überraschung, die im Weihnachtsfest steckt, haben alle Familien auch schon akribisch eingeplant. Sie überkommt am Heiligen Abend die Feiernden genau dann, wenn die Geschenke ausgepackt werden. Diese sind sorgfältig ausgewählt und anmutig eingewickelt, die Beschenkten öffnen ihre Pakete mit Bedacht oder reißen sie ungestüm auf, je nach Temperament. Oft findet man das Gewünschte, manchmal das Falsche und in seltenen Momenten ertönt aus den Geschenkpapieren ein Juchzer der verwunderten Begeisterung: Damit habe ich nun gar nicht gerechnet! Wie bist Du nur darauf gekommen? Was für eine wunderbare Überraschung!
Wir haben Weihnachten, dieses unglaubliche Fest des Neuanfangs sehr nachhaltig in unsere Rituale eingemauert. Wenn man Glück hat, steckt die einzige Überraschung des Abends in einem Weihnachtspäckchen, sonst möge bitte alles so gehen, wie geplant. Dabei ist Weihnachten weltweit reich an Symbolen, die den Blick für das Neue öffnen.
In Polen zum Beispiel kennt man einen Brauch an Heiligabend, der die Tür für echte Überraschungen offenlässt: An der festlichen Weihnachtstafel bleibt ein Stuhl leer für jemanden, der anderswo keinen Platz hat, der irgendwie verloren gegangen ist – für einen Überraschungsgast. Er wird zum unerwarteten Element im altvertrauten Kreis. Der leere Stuhl will zeigen: Hier versammelt sich weder eine familiäre noch eine christliche Blase. Hereingebeten werden Heimatlose und Einsame, Muslime und Atheisten und viele Passanten mehr, die heute Nacht nirgendwo dazu gehören oder einfach keinen Platz gefunden haben. Hereingebeten werden freudige, aber möglicherweise auch unangenehme Überraschungen (das haben Überraschungen so an sich).
In der Psychotherapie hat man dieses Weihnachtsritual des leeren Stuhls übernommen, um etwa Trauernden, die jemanden verloren haben, zu helfen, ihren Kummer zu bewältigen.
Der leere Stuhl steht dann für den Menschen, den ich verloren habe und den ich besonders an Weihnachten sosehr vermisse. Er zeigt in mitten der heilen Weihnachtswelt die Wunde:
Denn der leere Stuhl steht für Veränderung und er steht auch für die Chance neu anzufangen.
Wir, die Bewohner Europas, haben in den vergangenen Jahren so manche böse Überraschung erleben müssen: Es ist Krieg an den Grenzen unseres Kontinents, wir rüsten plötzlich auf. Langjährige politische Freunde werden unsere schärfsten Kritiker und wir wissen nicht, ob man sich noch auf sie verlassen kann; Totgeglaubte Gespenster völkischen Denkens kommen aus der Gruft; Pandemien werden tödliche Realität; Alte Gewissheiten werden fraglich, Sicherheiten brüchig, Weltbilder wanken.
Es scheint, als verengte sich unser Blick auf die Furcht vor der Veränderung. Der weihnachtlich leere Stuhl aber mahnt, das Unbekannte nicht zu fürchten, dem Unerwarteten entgegenzutreten, sich was zu trauen, Risiken einzugehen und auf die freudige Überraschung zu hoffen.
Im Tunnelblick auf die Gefahren des Lebens übersehen wir, wie viele wunderbare Geschenke wir in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten auspacken durften. Wir leben seit achtzig Jahren in Frieden, wir leben in einem nie gekannten Wohlstand und wir haben uns so sehr an die Sicherheiten und Absicherungen aller Lebenslagen gewöhnt, dass wir uns gar nicht mehr vorstellen können, dass anderswo auf dieser Welt, Menschen für ihr Alter selbst vorsorgen
und den Doktor aus eigener Kasse zahlen müssen, wenn sie krank werden.
Wir durften erleben, wie eine neue Technologie in die Welt getreten ist, die es uns ermöglicht auf Tastendruck, Zugriff auf große Teile des Weltwissens zu bekommen, wir können in Sekundenschnelle miteinander kommunizieren
Wir durften mit eigenen Augen sehen, wie die deutsch-deutsche Mauer fiel, die viele Familien über Jahrzehnte mit Gewalt voneinander getrennt hat.
Und wir haben miterlebt, wie zahllose Menschen, das Risiko eingingen, ihr Leben zu verlieren, damit sie bei uns Schutz oder eine Zukunft finden können. Wir haben die Möglichkeit die Menschen zu uns hereinzubitten. Viele sind gekommen und die allermeisten davon bauen mit uns zusammen an einer gemeinsamen Zukunft.
Wir leben in Freiheit, dürfen die ganze Welt bereisen und bestaunen und unsere Meinung sagen. Oft ist uns aber nichts genug. Dann benehmen wir uns wie überfütterte, verwöhnte Kinder, die quengelnd unterm Weihnachtsbaum hocken, weil die Armbanduhr, die sie bekommen haben, von einer anderen Luxusmarke stammt als gewünscht, oder das ausgepackte iPhone nicht die allerallerallerneueste Version ist. Wir haben es im Laufe vieler satter Jahre verlernt, Geschenke zu würdigen und zu schätzen und zertrampeln oft genug die Gaben – mutwillig und aus überzogenen Ansprüchen.
Wir konzentrieren uns auf das, was wir nicht haben und missachten, was wir bekamen.
Die Geschenke an Weihnachten symbolisieren eine überwältigende Dankbarkeit für die Überraschungen des Lebens.
Wir schenken, weil wir verstehen, dass wir Beschenkte sind.
Wir lassen uns überraschen – und welche Überraschung wäre wohl größer als ein als Säugling verkleideter Gott. Er kommt mit einem bezaubernden Klang daher, in einem Himmelsorchester und jeder Ton bedeutet: Fürchte Dich nicht.
Amen...